Die Rose von Rabenfels – Leseprobe

Da saß sie nun am Fenster, den Stickrahmen unbeachtet auf den Knien. Eingesperrt in den kalten Mauern von Burg Rabenfels. Ihr Blick glitt über die saftig-grünen Wiesen, den dunklen Saum des Waldes und die sanften Hügel, ein Teppich aus gelb und grün, der sich unter dem endlosen Blau des Himmels wölbte.

Sehnsucht keimte in ihr auf, Sehnsucht, durch Felder und Wälder zu streifen, auf die Pirsch zu gehen, mit stolzgeschwellter Brust der Mutter den erlegten Fasan zu überreichen. Lachend hatte ihr die Mutter die schönste Feder ins Haar gesteckt und das Tier der Köchin übergeben. Kindheitserinnerungen. Unbeschwert und frei. Ewige Jahre her, ewige Tagesritte entfernt.

Wütend warf sie den Stickrahmen auf die Bank und zog die Wolldecke enger um die Schultern. Sofort war Agnes mit einer weiteren Decke zur Stelle.

„Lass nur, Agnes. Tausend Decken können mich nicht wärmen. In diesen Gemäuern verschimmelt man. Selbst der Sommer hat es aufgegeben, diese trostlose Stätte zu besuchen!“

Unbeirrt legte Agnes die Decke um die Knie ihrer Herrin. „Wenn die Kälte ins Herz gekrochen ist, muss das Herz neu entzündet werden, um wieder wärmen zu können.“

„Wohl wahr, Agnes. Doch woran soll sich mein Herz entzünden? An einem alten Ritter, der mit Narben übersät, runzlig und faltig mit letzter Kraft zu mir ins Bett gekrochen kommt, um vergeblich einen Erben zu zeugen?“

„Darüber wollte ich mit Euch sprechen.“ Agnes schaute prüfend zur Tür und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: „Herrin, ich konnte keine weiteren Ziegenblasen auftreiben. Die misstrauischen Blicke der Bauern verheißen nichts Gutes. Bisher halten sie mich nur für eine komische Alte. Aber was, wenn erst das Gerücht umgeht, dass ich Schuld an Eurer Kinderlosigkeit bin? Dann werden sie mich Hexe nennen!“ Margret schauderte. …