Die Begegnung – Leseprobe

Es ist kalt, eisig. Langsam wird es dunkler. Hell war es den ganzen Tag nicht. Sie geht allein durch den verlassenen Park, weiter, immer nur weiter. Schon seit Stunden. Ob zwei oder drei, sie weiß es nicht, vielleicht auch fünf. Sie geht immer nur weiter, ohne Ziel. Jetzt setzt auch noch Schneefall ein. Sie spürt ihre Füße nicht mehr. Eben taten sie noch weh, jetzt scheint es sie nicht mehr zu geben. Ihre Augen sind verquollen, auf den Wangen haben die Tränen brennende Spuren hinterlassen. Die Nase läuft. Sie atmet durch den Mund, die kalte Luft schmerzt in der Lunge. Sie muss husten, schnappt nach Luft. Ihr Herz krampft sich zusammen. Noch ein paar Schritte, nur bis zur Bank. Erschöpft lässt sie sich fallen, keucht. Der Schmerz in der Brust wird schlimmer. Angst steigt in ihr hoch. Panik. Wer findet sie hier schon? Bei diesem Wetter? Um diese Zeit? An Heiligabend? An diesem gottverlassenen Ort? Die Laterne hinter der Parkbank geizt mit ihrem Licht. Der Schnee fällt nur noch in einzelnen Flocken.

Wie aus dem Nichts steht er plötzlich vor ihr. „Ihnen geht es nicht gut“, stellt er fest, zieht seinen Mantel aus und wickelt sie darin ein. „Lassen Sie mich Ihnen helfen, ich bin Arzt“, erklärt er dabei. „Mir ist nicht mehr zu helfen“, entgegnet sie matt. „Ziehen Sie Ihren Mantel wieder an, sonst holen Sie sich noch meinetwegen den Tod.“ …