Neues aus Niederbroich

Hier kommen Anekdoten und Geschichten aus Niederbroich, die es nicht ins Manuskript des zweiten Kati-Küppers-Krimis geschafft haben. Sie sollen denen, die auf den zweiten Band warten, die Wartezeit versüßen, und denen, die noch nichts von der agilen Küsterin gehört haben, Niederbroich und seine Einwohner vorstellen. Auf jeden Fall sollen sie aber unterhalten und Freude bereiten. Viel Vergnügen beim Lesen.

Der Lastwagen stand im Schatten der Kirche, genau vor dem Haus im Parkverbot. Aus der Fahrerkabine wummerten fette Tanzbeats. Doch schon bald wurde die Musik übertönt vom Klappern der Stangen, Streben und Verbindungselemente, die drei junge Kerle in roten Arbeitshosen vom Laster hievten und vor dem Haus scheppernd auf den Boden warfen. Gewichte stemmen im Fitnessstudio hatten sie ebenso wenig nötig wie Besuche auf der Sonnenbank. Gebräunte athletische Arme schulterten Trittblech um Trittblech, so dass das Baugerüst schon bald erste Formen annahm. Jeder Griff saß. Wahrscheinlich taten sie nichts anderes, als Gerüste auf- und abzubauen.
Walter Heinrich riss das Küchenfenster auf.
„Da ist Parkverbot“, brüllte er.
Einer der jungen Männer schaute zu ihm hoch und winkte freundlich.
„Moinsen“, grüßte er und schulterte das nächste Trittblech. „Sind gleich wieder weg. Dauert nicht lang.“
Sein Kollege bohrte unterdessen Löcher in die Hauswand. Heinrich hatte genug gesehen und gehört. Er schlug das Fenster zu, schnappte sich den Schlüsselbund und verließ auf Schluppen seine Wohnung. Als er unten vor die Haustür trat, befanden sich die Arbeiter bereits auf der ersten Ebene. Von der nächsten könnten sie ungeniert in seine Küche sehen, was Heinrich äußerst missfiel.
„Was wird das hier?“, keifte er den Mann an, der gerade vom Gerüst sprang, um ein weiteres Trittbrett zu holen. Der tippte kurz an seinen Helm, sagte: „Dzień dobry!“ und ließ den alten Mann stehen. Heinrich griff nach einer der Stangen zu seinen Füßen und schlug damit gegen das Gerüst. Es schepperte. Jetzt hatte er die volle Aufmerksamkeit der Arbeiter.
„Spricht hier jemand Deutsch?“, bellte er nach oben.
Einer der Arbeiter hangelte sich zum Rand des Gerüstes und landete mit einem kühnen Sprung direkt neben ihm.
„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Die Freundlichkeit des jungen Mannes brachte den Alten zur Explosion.
„Hören Sie sofort auf mit dem Krach, mit dem Bohren und mit dem Gerüst. Was soll das Ganze überhaupt?“
Der junge Mann hob beschwichtigend die Hände.
„Wir machen nur unseren Job. Dann sind wir wieder weg. Lautlos kriegen wir das leider nicht hin, aber umso schneller Sie uns arbeiten lassen, umso eher haben Sie wieder Ihre Ruhe.“
„Je schneller“, bellte Heinrich, „desto eher.“ Er schnaubte verächtlich. „Ruhe. Von wegen. Solange das Gerüst da steht, hab ich keine ruhige Minute mehr. Jeder Hinz und Kunz kann dann in meine Wohnung einsteigen.“
Der Arbeiter zuckte die Schultern.
„Das fällt nicht in unseren Bereich. Sollten Sie mal mit Ihrer Vermieterin besprechen.“ Er griff nach dem nächsten Trittbrett und reichte es seinem Kollegen nach oben.
Heinrich versuchte, sich zu beruhigen. Er musste nachdenken. Und das gelang ihm nicht, solange er unter Dampf stand. Sein Blick glitt über die Straße. Schon von weitem erkannte er ihn an seinem Gang: Den Kopf hatte er vorgestreckt wie eine Schildkröte und die Arme baumelten so auffällig hin und her, dass es aussah, als rudere er sich vorwärts. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Michael Schulze hielt genau auf ihn zu, hob die Hand zum Gruß und blieb neben dem Lastwagen der Gerüstbauer stehen.
„Guten Morgen zusammen. Ihr seid ja fast fertig.“
„Was geht Sie das an?“, motzte Heinrich.
„Oh, diese Jungs hier stellen das Gerüst auf, damit ich in den nächsten vierzehn Tagen die Fassade dieses Hauses streichen kann.“
„Was denn? Zwei Wochen? Das glaub ich ja nicht.“ Heinrich wirbelte ins Haus. „Das werden wir noch sehen.“
Er ließ die Tür hinter sich zufallen und nahm die Treppen zum ersten Stock mit Schwung.
Der Tag verlief ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. In seinen vier Wänden angelangt, griff er nach dem Brief der Vermieterin, der auf dem Garderobenschränkchen in der Holzschale lag. Wieder und wieder überflog er das Schreiben, in dem Frau Müller-Bickenbach die Renovierungsarbeiten angekündigt hatte. Er schaute aufs Datum, an dem sie den Brief geschrieben haben wollte, und auf das Datum, das er darunter mit Kuli notiert hatte, dem Tag, an dem der Brief tatsächlich angekommen war. Missmutig verzog er das Gesicht. In Problemfällen wäre sie unter ihrer Handynummer erreichbar. Auf den Trick würde er nicht reinfallen. Wenn er sie kontaktierte, während sie die Mieteinnahmen an der Côte d’Azur in Rosé umsetzte, hätte er eine horrende Telefonrechnung an der Backe und immer noch ein dämliches Gerüst vor der Nase. Und das war es, was ihm die eigentliche Laune gründlich verdarb. Er konnte seiner Lieblingsbeschäftigung nicht mehr nachgehen, denn das Gerüst versperrte ihm den freien Blick auf die Straße.
Im selben Moment hatte er eine grandiose Idee. Walter Heinrich lächelte gehässig und griff zum Telefon.