Leverkusener Short-Story-Preis 2011

Montag, 21. März, Frühlingsanfang. Ich sortiere gerade Unterlagen im Dachgeschoss, als mein Handy im Erdgeschoss klingelt. Wer ruft mich denn auf dem Handy an, wenn ich zu Hause bin? Oh Schreck! Die Nummer habe ich nur einem Nichtbekannten weitergegeben! Das muss Leverkusen sein! Ich sause die Treppe hinunter. Am anderen Ende meldet sich Herr Struwe, Leiter der VHS Leverkusen. Man möchte mir einen Sonderpreis für meine „Idylle“ zusprechen, vorausgesetzt ich lese die Geschichte bei der Preisverleihung am 14. April. Ob ich will? Natürlich will ich!

Donnerstag, 14. April. Laufe den ganzen Tag wie Falschgeld durch die Gegend. Am späten Nachmittag spitzt sich die Lage zu. Ich werde hektisch, mir ist schlecht, ich räume schon zum dritten Mal die bereitgelegten Unterlagen von rechts nach links und wieder zurück. Wo hab ich sie nur hingelegt? Letzte Instruktionen an die Kinder, dann stehen meine Eltern und meine Schwester vor der Tür. Abfahrbereit. Mein Mann humpelt auf Krücken zum Auto. Ich muss fahren, muss mich auf den Verkehr konzentrieren. Gut so! So mach ich mich nicht noch mehr verrückt. Der Verkehr fließt problemlos, kurz nach sieben Uhr erreichen wir Leverkusen. Viel zu früh!

Als wir die Künstlerkneipe K1 Kolonie 1 betreten, sind wir fast die ersten. Auf der Bühne checken zwei Männer die Beleuchtung. Vor der Bühne warten drei lange Tischreihen auf die Gäste. Die Kerzen in den Windlichtern, mit Buchsbaumgrün umlegt, geben dem dunklen Raum eine rustikal-gemütliche Atmosphäre. Dann kommen eine Frau und ein Mann mit vier Blumensträußen – die Jury ist eingetroffen.

19.15 Uhr: Beim Mikrophon-Check kommt die Frage, ob denn auch schon Preisträgerinnen anwesend seien. Ich melde mich und lerne die Jury kennen. Claus Faika vom Kulturbüro wird die Gäste begrüßen, ein paar Worte über den Wettbewerb sagen und dann die Begründung der Jury für den Sonderpreis meines Textes vortragen. Dann bin ich dran mit Vorlesen. Anschließend gibt’s Blümchen, eine Urkunde und 100 €uro Preisgeld, überreicht von Markus Grawe, Vorstandsmitglied der Sparkasse Leverkusen. Danach stellen Lucia Werder, Leiterin der Stadtbibliothek, Dr. Isa Schikorsky, Dozentin der VHS und Gerd Struwe, Leiter der VHS abwechselnd die anderen Preisträgerinnen vor.

Langsam aber stetig füllt sich der Raum. Mittlerweile sind auch die anderen Preisträgerinnen eingetroffen und wir werden zum Foto-Shooting auf die Bühne gebeten. Meine Übelkeit ist weg, dafür rauscht jetzt das Adrenalin durch meine Blutbahnen und sorgt für äußerste Konzentration.

20.00 Uhr: Es geht los.
Claus Faika (Kulturbüro)Wir erfahren, dass der Leverkusener Short Story Preis alle zwei Jahre vergeben wird und sich dieses Jahr etwa 340 Autoren beteiligt haben. Der Dank geht an die Sparkasse Leverkusen, die das Preisgeld in Höhe von 800 €uro gestiftet hat.

Dann fällt mein Name. Barbara Steuten, Autorin des Textes „Idylle“, 1969 in Düsseldorf geboren, verheiratet, Mutter von 3 Kindern, lebt mit ihrer Familie in Kaarst, am Niederrhein. Die gelernte Bürokauffrau schrieb bereits in ihrer Schulzeit Gedichte, Artikel und Kurzgeschichten, seit 2010 arbeitet sie als freie Autorin und ist Mitglied der Autorengruppe „Kleeblatt“ (Rhein-Kreis-Neuss) und des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA).

Das Kribbeln in meinem Bauch nimmt zu, ich stehe in den Startlöchern. Doch das Vorlesen der Begründung der Jury dauert. Länger als das Vorlesen meiner Geschichte. Die Sätze der Laudatio rauschen an mir vorbei. Herr Faika findet in den wenigen Sätzen meiner „Idylle“ die Merkmale der gelungenen Kurzgeschichte wunderbar auf das Notwendige reduziert. „Wunderbar, da trotz der Kürze die Charaktere lebendig werden und ein Geschehen vor dem geistigen Auge erscheint. Nach dem grandiosen Ende sind wir um eine Erfahrung reicher. Wir bekommen etwas zum Nachdenken serviert, dass uns viel länger beschäftigen kann, als es dauert, die Geschichte zu erzählen.“

Eine Minute und zwanzig Sekunden später schließe ich meine Geschichte mit „Ratte ist Ratte!“ Applaus, Hände werden geschüttelt, Blümchen, Urkunde und Preisgeld überreicht, Fotos gemacht. Fertig. Jetzt kann ich den Abend genießen.

Marion Pletzer (2. Platz) liest ihre Geschichte „Shamo und der Hut“, in der sie den inneren Konflikt der Protagonistin Agata sehr eindrucksvoll beschreibt. Agata kann den von ihr sehnlich gewünschten Hut nur zu einem sehr hohen Preis bekommen: ihr Hahn Shamo müsste einen weiteren Hahnenkampf gewinnen…

Wieder Applaus, Hände werden geschüttelt, Blümchen, Urkunde und Preisgeld überreicht, Fotos gemacht. Die nächste Laudatio.

Hannelore Vogt (2. Platz) folgt mit „Der Wert eines Menschen“. Sie erzählt uns von Janko, einem etwa 13-jährigen Jungen kroatischer Herkunft, von seinen Nöten und Schwächen. Eindrucksvoll wird die Verletztheit des Jungen geschildert, seine Wut, seine Ohnmacht, aber auch seine Kraft, Probleme durch Handeln zu lösen.

Erneut Applaus, Hände werden geschüttelt, Blümchen, Urkunde und Preisgeld überreicht, Fotos gemacht. Die Jury gibt die Begründung für den besten Beitrag bekannt.

Schließlich trägt Heike Prassel (1. Platz) ihre Geschichte „Dann nimmt sie seine Hand“ vor, in der sie das Schicksal zweier Menschen in einer Bombennacht des zweiten Weltkrieges in Köln schildert und dabei grundlegende Aspekte menschlicher Stärken und Schwächen beleuchtet. Hier hat alles seinen Platz. Leben und Tod, Hoffen und Bangen, Hingabe und Zurückweisung, Erwartung und Enttäuschung.

Und wieder gibt es Applaus, Hände werden geschüttelt, Blümchen, Urkunde und Preisgeld überreicht, Fotos gemacht.

Noch einmal werden alle Preisträgerinnen mit Blumen und Urkunde auf die Bühne gebeten zum Gruppenfoto mit Jury.

Das Publikum ließ sich von den fesselnd vorgetragenen Geschichten mitreißen, hat mit den Protagonisten gelitten und gelacht, war überrascht, auch mal schockiert und auf alle Fälle gut unterhalten.